Sag doch einfach, was du willst!

Sag doch einfach, was du willst!

Kennst du das auch? Du steckst in einer Situation, aus der du heraus möchtest, aber du sagst einfach nicht, was du willst? Du hast eine Idee, aber keiner weis davon, weil du diese einfach keinem erzählst? Also ich kenne das sehr gut. Beziehungsweise ich kann mich noch gut daran erinnern, wie das damals war und wie sich dadurch viele Dinge in die Länge gezogen haben oder mich sogar komplett blockierten. So habe ich es hin bekommen …

Die letzten Tage beschäftigt mich sehr, das es vielen Menschen schwerfällt, sich mitzuteilen. Es ist wohl für viele, nicht einfach zu sagen, was sie möchten. Ob im beruflichen oder privaten Zusammenhang, spielt dabei keine Rolle.

Viele neigen eher dazu, lieber nichts zu sagen, da eine mögliche Konsequenz schlimmer zu ertragen währe als der quälende Zustand des Schweigens. Ist das wirklich so?

SO KANN ES EINEM GEHEN

Mal ganz ehrlich:

Was ist auf Dauer schlimmer, ständig das gleiche lähmende Gefühl zu haben gegen etwas ankämpfen zu müssen, oder ehrlich zu sein, und auszusprechen, was einem aufstößt und beschäftig, auch wenn die Reaktionen nicht voraussehbar sind?

Anfang der Woche erzählte mir meine Mutter, dass sie im Wartezimmer eines Arztes mit einem älteren Mann ins Gespräch kam, welcher ihr sein Leid klagte. Dabei ging es, aber, nicht um ein medizinisches Problemchen, sondern das er zu Hause immer friert. Seine Frau würde ihm aus finanziellen Gründen verbieten die Heizung an zu machen. Das ginge schon viele Jahre so und er würde immer so sehr frieren. Im ersten Moment war ich still. Im zweiten Moment dachte ich mir dann, „Was … das hält der schon Jahre lang aus?“ Da bekommt der Begriff Zähne zusammenbeißen doch eine ganz neue Dimension!

Einen Tag später berichtete mir eine Freundin, dass es in ihrer Patchworkfamilie, Probleme mit ihrem Partner geben würde, der an den Wochenenden so extrem schlechte Laune habe. Alle würden darunter leiden, vor allem sein ältester Sprössling. Dieser schüttete per WhatsApp sein Herz bei ihr aus, bat aber darum das Sie, seinem Vater nichts davon sagen solle. Puh, da lastete eine Menge Druck auf ihr. Ihr Fazit: Runder Tisch und jeder sagt, was er zu sagen hat, ohne unterbrochen zu werden. Eine supertolle Idee!

AUS DEM KARUSSELL AUSSTEIGEN

So wie in diesen beiden Beispielen, ging es mir auch einmal. Ich war ständig im Zwiespalt, mit dem was ich wollte und dem, was die anderen wollten. Gesagt habe ich nichts! Nur ertragen … ertragen … ertragen. Bis es mal nicht mehr weiter ging und ich bei einer Situation völlig überfordert zu weinen begann. Eine Freundin sagte dann damals mahnend zu mir „Sissi, tu das nie wieder! Sag immer, was mit dir ist und was du willst und brauchst“!

Ich sage dir, seit dem habe ich das so praktiziert. Ich hatte keine Lust mehr auf dieses Karussell, das sich immer weiter dreht auch wenn mir im Grunde schon kotz übel ist. Also hab ich begonnen immer vorher abzuspringen, bevor sich mir der Magen umdrehte

„Früher hätte ich auch eher gefroren, heute kommt für mich so etwas nicht mehr infrage. Die Dinge müssen so zu sagen auf den Tisch. Und zwar zeitnah!“

Sissi Haupt

WIE HABE ICH DAS GEMACHT?

Klingt jetzt wenig spektakulär, aber ich habe mich leise selbst etwas gefragt, je nach Situation.

  • Was kann Schlimmsten falls passieren, wenn du sagst, was du denkst oder fühlst in dem Moment?

  • Warum sollte ich nicht auch einfach etwas sagen können, so wie diese Person da?

  • Ist der Zug für mich abgefahren, wenn ich jetzt stumm bleibe?

  • Diese Person sehe ich eh nie wieder, also was hält mich davon ab ihr zu sagen, was ich denke?

  • Diese Person hat eine Grenze bei mir überschritten, ist jetzt der passende Moment es ihr mitzuteilen?

  • Wie genau kann ich formulieren, was ich möchte/denke, sodass es wertfrei klingt und kein Streit entsteht?

Vielleicht mal ein Beispiel:

Am Ende meiner Erzieher Ausbildung musste ich ein Colloquium absolvieren. Das ist ein Fachgespräch mit Lehrern und Schülern über Inhalte des Erzieherberufes.

Ich hatte damals zwei Schwerpunkte, die mich in meiner Arbeit viel in Anspruch nahmen. Ich war super in meinem Job und fachlich voll auf diese Themen eingestimmt. Das Gespräch lief hervorragend, bis mich der Direktor fragte, aus welchem Land der Hauptteil der Kinder sei. Klar wusste ich es, aber mir viel das Land nicht ein … ich hatte quasi einen Blackout. Vor allem, weil es mir schon immer ziemlich egal war, woher ein Kind kam. Es war für mich einfach ein Kind Punkt. Nun also versuchte ich drum herum zu erklären, welches Land ich meinte und wies auch drauf hin das Ich grade hänge. Das Ende von diesem Gespräch war dieNotengebung, die mir eine 3,5 bescherte. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Konnte es nicht fassen. Der Direktor erklärte breit das Ich diese Note bekomme, weil ich nicht wisse, woher meine Kinder stammen.Ich fragte mich innerlich was das Soll, hat er beim Rest nicht zugehört? 

Tja und dann war da dieser Moment, in dem ich mich fragte:

„Willst du dir von diesem Mann dein Leben versauen, lassen nur, weil er nicht objektiv ist?“

„Du wirst ihn niemals wieder sehen und ihn wird dein Leben nicht interessieren“. „Mach den Mund auf Sissi, auch wenn das der Direktor ist, denn schlimmer kann es nicht mehr werden“.

Und was glaubst du, was ich tat?

Genau ich hab es einfach gesagt!

„Ich bin damit nicht einverstanden“! Das waren meine Worte. Es entstand eine hitzige Diskussion über das, was ich sagen darf und was nicht, und so weiter. Aber ich blieb dabei und sprach ihn sogar direkt an „Nur, weil ich einen Blackout hatte, meinen sie das alles, was ich sagte, nicht gut war … ist das ihr ernst?“

Ich verlies entrüstet den Prüfungsraum, meine Lehrerin rannte mir nach um mich, zu beschwichtigen. Pustekuchen. Ich ließ sie stehen. 3 Stunden später erhielt ich einen Anruf. „Sissi, wir haben uns geirrt sie bekommen eine 2“.

Hätte ich nichts gesagt, hätten sich mein beruflicher Einstieg und auch mein Selbstwert sehr verschlechtert. Seit dem weis ich, das es sich lohnt zu reden.

„Bleib nicht stumm, andere kochen auch nur mit Wasser!“

DER RICHTIG ZEITPUNKT

Wie du in dem Beispiel eben gelesen hast, konnte ich nur in diesem Moment reagieren. Hätte ich mich erst 1 Woche später gemeldet, so hätte ich sicher keine Chance mehr gehabt meinem Anliegen Wichtigkeit, zu verleihen. 

Genau so ist es mit den meisten Problemen. Es geschieht etwas und du nagst daran. Der andere aber nicht, für ihn gibt es ja nichts zu nagen, deshalb vergisst er die Situation wieder. Wenn du dann Tage später damit ankommst, kann dein Gegenüber damit höchstwahrscheinlich nichts mehr anfangen. Deshalb warte nicht zu lange und sammle nicht unnötig Ärger in dir an.

Manchmal ist es aber auch ratsam, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, ehe man sich äußert. Gegebenen Falls sogar etwas vorzubereiten, um einen Sachverhalt konstruktiv anzugehen.

Ich denke dein gesunder Menschenverstand und deine Intuition, machen das schon richtig.

DER TON MACHT DIE MUSIK

Wenn du jemanden etwas sagen möchtest, solltest du das zwar Tun, aber nicht vergessen in welchem Ton! Streit ergibt sich meist aus dem Ton, den jemand anschlägt. Damit meine ich die Art wie es gesagt wird. Wenn du sagst „Man du gehst mir auf den Keks, mit deinem Gerede!“, ist ein Konflikt das natürliche Ergebnis. 

Wenn du stattdessen sagst „OK, ich verstehe das dir das Thema wichtig ist, nur kann ich damit im Moment einfach nichts anfangen“. Greifst du deinen Gesprächspartner nicht an, sondern zeigst ihm, das du verstehst, das ihm das wichtig ist, du aber nicht der richtig für ein Gespräch in diesem Thema bist. Dein Gesprächspartner muss sich nicht wehren, weil du ihm keinen Grund zum Wehren gibst. Du sagst einfach deine Tatsache und wertschätzt ihn dabei. 

Wenn du zeitknapp bist, kannst du auch sagen „Tut mir leid, ich hab den Kopf grade voll, weil ich diese Aufgabe abschließen muss, lass uns später darüber reden, da kann ich dir besser folgen“.

Überlege dir selbst einmal, was du gerne hören würdest in solchen Situationen. Womit könntest du umgehen? Was könntest du akzeptieren? 

„Wenn du etwas sagen möchtest, denk kurz nach, wie es beim anderen ankommen könnte.“

FAZIT

Situationen, mit denen du nicht eins bist, können auf Dauer sehr belastend sein. Tu dir was Gutes und trau dich zu sagen, was du denkst und fühlst. Nur, wenn du rauslässt, was dich beschäftigt, kann sich etwas für dich ergeben.Sei dabei objektiv, wertschätzend und zeitnah. Stell dir in drückenden Situationen die Frage: „Was kann schlimmsten Falles passieren, wenn ich sage, was ich denke und fühle“. So kannst du abwägen, ob die Konsequenz für dich akzeptabel wäre.

Sag doch einfach, was du willst! Es ist gar nicht so schwer.

Bildnachweise: 

Foto unten: Kahless the unforgettable, „Saxophon“, CC-Lizenz (BY 2.0)
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de